„Mein Kind kann nicht rechnen." Diesen Satz höre ich fast jede Woche, meistens von Eltern, die schon eine Menge versucht haben. Die gute Nachricht ist: Rechnen ist lernbar, und zwar für jedes Kind. Es kommt nur darauf an, in welcher Reihenfolge du vorgehst. Hier bekommst du diese Reihenfolge, von den Mengen über den Zahlenraum bis 10 bis zum Rechnen über die Zehn hinaus.
Stand: August 2026
Das Wichtigste in Kürze
- Die meisten Kinder, die nicht rechnen können, zählen. Sie kommen damit oft aufs richtige Ergebnis, und deshalb fällt es lange niemandem auf.
- Rechnen lernen läuft immer über vier Stufen: Handlung, Bild, Vorstellung, Zahl. Wird eine Stufe übersprungen, bricht es später zusammen.
- Der Startpunkt ist nie der aktuelle Schulstoff, sondern der Zahlenraum bis 10. Dort entscheidet sich alles Weitere.
- Beim Zehnerübergang geht es nur um eine einzige Frage: Wo mache ich die Zehn voll? Es gibt dafür mehrere richtige Wege.
- Minus ist nur deshalb schwerer als Plus, weil zählende Kinder rückwärts zählen müssen. Wer die Zehn versteht, für den verschwindet dieser Unterschied.
Mein Kind kann nicht rechnen: woran liegt das wirklich?
Wenn Eltern sagen, mein Kind kann nicht rechnen, steckt fast immer dasselbe dahinter: Das Kind rechnet nicht, es zählt. Es gibt nämlich zwei Wege zu einem richtigen Ergebnis, und sie sehen von außen fast gleich aus.
Ein Kind, das rechnet, weiß, dass die 8 aus fünf und drei besteht, dass 8 eins mehr ist als 7 und dass es Zahlen zerlegen und wieder zusammensetzen darf. Es sieht die Aufgabe an und arbeitet mit Mengen. Ein Kind, das zählt, kennt die Zahlwortreihe. Es kennt die Ziffern, es weiß, wie 15 geschrieben wird, aber was 15 genau bedeutet, weiß es nicht. Es zählt sich Schritt für Schritt zum Ergebnis, an den Fingern oder im Kopf.
Solange die Zahlen klein sind, funktioniert das. Deshalb hören viele Eltern in der 1. Klasse, dass alles im grünen Bereich ist. Sobald der Zahlenraum größer wird, wird der Zählweg zu lang und zu fehleranfällig, und dann heißt es plötzlich, das Kind könne nicht rechnen. Tatsächlich konnte es nie rechnen, es kam nur bisher mit Zählen durch. Woran du das erkennst, steht in Rechenschwäche selbst testen: vier Fragen für zu Hause.
Wie bringe ich meinem Kind das Rechnen bei?
Über vier Stufen, immer in dieser Reihenfolge: Handlung, Bild, Vorstellung, Zahl.
Dein Kind macht zuerst etwas mit den Händen. Danach sieht es dieselbe Sache als Bild. Danach stellt es sich das Bild vor, ohne es zu sehen. Und erst danach arbeitet es nur noch mit den Zahlen. Das Ziel jeder Stufe ist, dass sie überflüssig wird, weil sie im Kopf abläuft.
Hier liegt auch der häufigste Fehler in der Schule und beim Üben zu Hause. Wenn die Handlung auf der ersten Stufe ein Abzählen ist, zum Beispiel Perlen an einer Kette weiterschieben, dann wird die Vorstellung auf der dritten Stufe ebenfalls ein Abzählen. Das Kind zählt dann im Kopf weiter. Es sieht aus wie Kopfrechnen, ist aber Kopfzählen. Die Handlung, mit der du startest, muss deshalb ohne Abzählen auskommen.
Schritt 1: Mengen auf einen Blick erkennen
Der erste Baustein ist, dass dein Kind kleine Mengen erfasst, ohne sie abzuzählen. Der beste Einstieg dafür ist das Würfelbild, weil es in jeder Familie bekannt ist und weil die Punkte immer gleich angeordnet sind. Ein Kind, das die Fünf auf dem Würfel sieht, muss nicht zählen. Es erkennt das Bild.
Genau dieses Prinzip lässt sich über die Sechs hinaus fortsetzen. Bei uns besteht die 8 aus fünf Punkten unten und drei Punkten oben. Dein Kind sieht das Bild kurz, es wird weggedreht, und dann kommt die Frage: Was hast du gesehen? Die Antwort lautet „unten fünf, oben drei". So speichert dein Kind ab, aus welchen kleineren Mengen die 8 besteht.
Wichtig ist die feste Anordnung. Wahllos hingelegte Muggelsteine oder Stifte fordern dein Kind geradezu zum Abzählen auf. Welche Materialien das Zählen sogar festigen, liest du in Wenn Anschauungsmaterial das Zählen zementiert.
Schritt 2: Zerlegen und Ergänzen im Zahlenraum bis 10
Wenn dein Kind Mengen erkennt, kommt der zweite Baustein: Es lernt, welche Zahlen in einer Zahl stecken und was zu einer Zahl noch fehlt. Aus wie vielen Teilen besteht die 8? Was fehlt der 6 bis zur 10?
Diese beiden Fähigkeiten, Zerlegen und Ergänzen, sind zusammen mit dem sicheren Plus- und Minusrechnen im Zahlenraum bis 10 die Voraussetzung für alles, was danach kommt. Fehlen sie, kannst du den Zehnerübergang so oft erklären, wie du willst, es wird nicht ankommen.
Deshalb gilt: Wenn dein Kind in der 2. Klasse im Zahlenraum bis 100 hängt, gehst du nicht zurück in den Zahlenraum bis 20, sondern in den Zahlenraum bis 10. Dort klärst du, was die Zahlen bedeuten, wie sich Zehner und Einer zusammensetzen und wie man rechnet, statt zu zählen. Von dort aus überträgt sich alles auf 100.
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Aufgaben wie 8 plus 7 oder 15 minus 9 sind für viele Grundschulkinder die erste echte Hürde, und fast nie liegt es daran, dass diese Kinder zu wenig üben.
Beim Zehnerübergang geht es im Kern nur um eine Sache: Die Zehn ist ein Bündel, das auf die nächste Stelle wandert, und dann ermittelst du den Rest. Mehr steckt da nicht dahinter. Die eigentliche Frage für dein Kind lautet also: Wo mache ich die Zehn voll?
In der Schule wird dafür meist ein fester Dreierschritt verlangt. Bei 8 plus 7 heißt der: 8 plus 2 sind 10, und 10 plus 5 sind 15. Dieser Weg ist mathematisch richtig, aber er ist nicht der einzige. Dein Kind darf genauso gut von der 8 die drei zur 7 geben und dann 10 plus 5 rechnen. Oder es rechnet über die Fünfer, also 5 plus 5 plus 3 plus 2. Viele Kinder wählen genau diese Fünfer-Strategie von selbst.
So gehst du praktisch vor:
- Lege deinem Kind beide Zahlen als Würfelbilder hin, bei 8 plus 7 also fünf und drei, daneben fünf und zwei.
- Frage: Wie würdest du das lösen? Lass dein Kind schieben, umlegen, die Zehn bilden.
- Zeige dieselbe Aufgabe danach als Bild und lass dein Kind seine Handlung daran nachvollziehen.
- Nimm das Bild weg und lass dein Kind sich die Mengen vorstellen.
- Zum Schluss rechnet dein Kind nur noch mit den Zahlen und kann erklären, wie es vorgegangen ist.
Sobald dein Kind verstanden hat, dass es nur um das Vollmachen der Zehn geht, wird es flexibel. Bei 6 plus 9 macht es lieber bei der 9 die Zehn voll, bei 8 plus 6 nimmt es die zwei von der 6. Ausführlicher steht das in Zehnerübergang plus in 10 Minuten gelernt und in Voraussetzungen für den Zehnerübergang.
Wie bringe ich meinem Kind Minusrechnen bei?
Minus wirkt schwerer als Plus, und für zählende Kinder ist es das auch. Wer zählend rechnet, muss bei Minus rückwärts zählen. Probiere selbst einmal 43 minus 8 rückwärts. Für dein Kind ist das eine echte Kraftanstrengung, es muss die gesamte Zahlenreihe rückwärts sicher beherrschen. Manche Kinder zählen sogar jedes Mal von vorne, um einen einzigen Schritt zurückzugehen.
Beim Rechnen fällt dieser Unterschied weg. Bei 15 minus 9 gibt es zwei saubere Wege, und beide setzen voraus, dass dein Kind die Zehn versteht. Entweder nimmt es zuerst die fünf Einer weg und holt sich den Rest aus der Zehn. Oder es nimmt alle neun aus der Zehn und gibt das, was von der Zehn übrig bleibt, wieder zu den Einern dazu. Beide Wege sind richtig, dein Kind sucht sich einen aus.
Es gibt einen typischen Fehler, an dem du sofort erkennst, dass der Stellenwert noch nicht sitzt. Bei einer Aufgabe wie 62 minus 9 sagen Kinder: Das geht nicht, also rechne ich 9 minus 2. Heraus kommt dann 67 oder 57. Wenn dein Kind so vorgeht, ist das kein Flüchtigkeitsfehler. Dann fehlt die Vorstellung davon, was die Zehner und die Einer in einer Zahl bedeuten, und genau dort setzt du an.
Rechnen lernen ohne Finger: worauf es bei der Reihenfolge ankommt
Viele Eltern fangen an der falschen Stelle an und verbieten die Finger. Das ist verständlich, funktioniert aber nicht, denn dein Kind hört danach nicht auf zu zählen, sondern nur auf, sichtbar zu zählen. Die Finger wandern unter den Tisch, und aus einem sichtbaren Problem wird ein unsichtbares.
Die Reihenfolge ist umgekehrt: Erst baust du die Alternative auf, dann verschwinden die Finger von selbst, weil dein Kind einen schnelleren Weg hat. Warum das so ist, habe ich in Fingerrechnen verbieten? Warum das Verbot nichts bringt ausführlich beschrieben.
Lass dein Kind seinen eigenen Rechenweg erklären
Ich habe als Förderlehrerin einmal mit einem Mädchen gearbeitet, das den Zehnerübergang wunderbar konnte, und zwar über die Fünfer-Strategie. Bei 8 plus 7 rechnete sie 5 plus 5 plus 3 plus 2. Ich habe der Klassenlehrerin gesagt, sie könne ihr die entsprechenden Arbeitsblätter geben. Am übernächsten Tag kam die Kollegin ziemlich verzweifelt auf mich zu, das Mädchen habe gar nichts gekonnt.
Der Grund stand auf dem Arbeitsblatt: Unter jeder Aufgabe waren genau drei Kästchen vorgedruckt, für den Dreierschritt der Schule. Das Mädchen brauchte für ihren Weg vier. Sie konnte rechnen, sie passte nur nicht in das Formular.
Deshalb mein wichtigster Rat fürs Üben zu Hause: Frag dein Kind, welche Idee es hat, und hör dir den Weg an, bevor du einen anderen vorgibst. Wenn der Weg mathematisch stimmt, ist er richtig, auch wenn er anders aussieht als der in der Schule. Du kannst ihn danach gemeinsam an einer schwierigeren Aufgabe prüfen, zum Beispiel: Und wie machst du es bei 7 plus 4?
Die häufigsten Fehler beim Üben zu Hause
- Mehrere Materialien nacheinander ausprobieren. Wenn das eine nicht funktioniert, das nächste zu holen, verwirrt dein Kind. Je größer die Schwierigkeiten, desto weniger Anschauung braucht es, am besten nur eine.
- Beim aktuellen Schulstoff ansetzen. Wenn die Grundlage fehlt, wiederholt jede Übung dieselbe Lücke.
- Leichtere Aufgaben geben. Davon entsteht keine Brücke zu den schwierigeren, dein Kind bleibt stehen, während die Klasse weitergeht.
- Lange üben. Fünf bis zehn Minuten mit klarer Struktur bringen mehr als eine halbe Stunde Kampf. Hör auf, solange es noch gut läuft.
- Nicht an Bekanntes anknüpfen. Starte jede Einheit mit etwas, das dein Kind schon kann, dann kommt der erste Erfolg in den ersten Minuten.
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Acht kurze Fragen zu deinem Kind, danach bekommst du eine Einschätzung, an welcher Stelle die Lücke liegt. Das dauert etwa drei Minuten.
Jetzt kostenlosen Rechen-Check machenHäufige Fragen
Wie bringe ich meinem Kind Kopfrechnen bei?
Kopfrechnen entsteht nicht dadurch, dass du die Hilfsmittel wegnimmst, sondern dadurch, dass dein Kind sich die Mengen vorstellen kann. Deshalb kommt die Stufe der Vorstellung immer nach der Handlung und dem Bild. Nimm das Material erst weg, wenn dein Kind dir beschreiben kann, was es vor dem inneren Auge sieht.
Mein Kind lernt die Aufgaben einfach auswendig. Reicht das nicht?
Nur solange die Aufgaben gleich bleiben. Auswendig gelernte Ergebnisse sind nicht übertragbar, und sie verschwinden in den Ferien wieder. Viele Kinder kennen zum Beispiel die Ergänzungen zur Zehn auswendig und können damit trotzdem keinen Zehnerübergang rechnen, weil ihnen der Zusammenhang fehlt.
Ab welchem Alter sollte ein Kind rechnen können?
Wichtiger als das Alter ist, was sich in Klasse 1 und 2 zeigt. Wenn dein Kind dort bei jeder Aufgabe abzählt, jede neue Aufgabenform von dir erklärt bekommen muss und sich das über Wochen nicht ändert, ist das der Zeitpunkt zum Handeln. Diese beiden Jahre entscheiden darüber, wie groß der Abstand zur Klasse später wird.
Wie lange dauert es, bis mein Kind rechnen kann?
Das hängt davon ab, wie viele Themen bereits aufzuarbeiten sind. Je früher du ansetzt, desto kürzer ist der Weg. Ein Maßstab: Wenn ihr an der richtigen Stelle übt, siehst du die ersten Fortschritte in Wochen und nicht in Schuljahren.
Soll ich mein Kind zur Nachhilfe schicken?
Entscheidend ist nicht das Etikett, sondern ob die Person weiß, wo dein Kind steht und welchen nächsten Schritt es braucht. Wenn dein Kind Förderung bekommt und nach einer überschaubaren Zeit keinen Anschluss an die Klasse gefunden hat, stimmt etwas mit der Förderung nicht.
Der nächste Schritt, wenn du tiefer einsteigen willst
Christine zeigt in einem ausführlichen Beitrag, wie sie mit Kindern arbeitet, die beim Rechnen hängen, und was sie Eltern rät, bevor sie den nächsten Schritt gehen.
Wie Christine mit Kindern arbeitet, die nicht rechnen können
Über die Autorin: Christine Strauß-Ehret war zwanzig Jahre lang Grundschul- und Förderlehrerin und hat die Würfelhaus-Methode entwickelt. Sie begleitet Familien, deren Kinder in der Grundschule Schwierigkeiten mit dem Rechnen haben.
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