Ist Dyskalkulie eine Krankheit?

Wenn ein Kind nicht rechnen kann, taucht früher oder später das Wort Dyskalkulie auf, und mit ihm die Frage: Ist mein Kind krank? Hier bekommst du zuerst die kurze Antwort, danach meine Sicht darauf nach zwanzig Jahren mit Grundschulkindern, und am Ende den Weg zu der Seite, die deine konkrete Frage beantwortet.

Stand: August 2026

Das Wichtigste in Kürze

  • Dyskalkulie ist keine Krankheit im medizinischen Sinne. Sie gilt als Entwicklungsstörung im Lernen, genauer als umschriebene Teilleistungsstörung im mathematischen Bereich.
  • Sie ist im internationalen Klassifikationssystem hinterlegt und damit codierbar. Das ist der Grund, warum sie für Förderanträge eine Rolle spielt.
  • Rechenschwäche und Dyskalkulie sind nicht dasselbe. Rechenschwäche ist das beobachtete Problem, Dyskalkulie die begutachtete Form davon.
  • Meine Erfahrung nach zwanzig Jahren: Ich habe noch kein Kind getroffen, das grundsätzlich nicht mit Zahlen und Mengen umgehen konnte.
  • Die Diagnose sagt dir, wo dein Kind im Vergleich steht. Sie sagt dir nicht, an welcher Stelle es aufgehört hat zu verstehen. Diese zweite Information ist die, mit der du weiterarbeiten kannst.

Wo willst du hin?

Dyskalkulie ist ein weites Feld, und je nachdem, wo ihr gerade steht, brauchst du etwas anderes. Such dir hier heraus, was auf euch passt.

Ist Dyskalkulie eine Krankheit?

Nein, jedenfalls nicht im medizinischen Sinne. Dyskalkulie gilt als anerkannte Entwicklungsstörung im Lernen und wird fachlich als umschriebene Teilleistungsstörung im mathematischen Bereich geführt. Sie ist im internationalen Klassifikationssystem der Krankheiten hinterlegt und dadurch codierbar, was sie für Anträge auf Förderung relevant macht. Pädagogisch betrachtet ist sie eine Lernstörung.

Für dich als Mutter oder Vater ist die wichtigere Unterscheidung eine andere: Rechenschwäche ist das Rechenproblem, das in der Schule auffällt. Dyskalkulie ist die Form davon, die über eine Testung festgestellt wurde. Was deinem Kind hilft, unterscheidet sich zwischen beiden weniger, als die meisten denken.

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Was ich in zwanzig Jahren tatsächlich gesehen habe

Ich arbeite seit vielen Jahren fast ausschließlich mit Kindern, die Probleme beim Rechnen zeigen, darunter viele mit einem Gutachten. Und ich stelle immer wieder erstaunt fest, dass Eltern es glauben, wenn ihnen gesagt wird, das Kind sei das Problem.

Das Kind kann nicht rechnen, verwechselt Zahlen, rechnet alles mit den Fingern, braucht zu lange, braucht ständig Hilfe, schreibt schlechte Noten. Wenn mir Eltern dann erzählen, wie und womit ihr Kind gelernt hat, welche Übungen es machen musste, wie fleißig es war und wie niedergeschlagen es jetzt ist, weil es sich für dumm hält, bin ich meist erst empört und dann traurig.

Wer ist der Schuldige? Das Kind, und vielleicht noch die Eltern, die zu wenig geübt haben? In den allermeisten Fällen stimmt das nicht.

Woran liegt es dann?

Wenn ein Grundschulkind das Rechnen nicht lernt, ist das in vielen Fällen das Ergebnis von schlechtem Unterricht, schlechter Vermittlung, einem schlechten Lehrwerk oder einer Mischung aus allem.

Erschwerend kommt hinzu, dass an vielen Schulen ein Verständnis dafür fehlt, was die Basis ist. Was sollte ein Kind mindestens können, und was erschwert das Lernen nur? Stattdessen wird sich eng an den Lehrwerken entlanggehangelt, nach dem Motto, am Ende sollen alle Kinder alles können. Kommazahlen in der 3. Klasse, Größenumrechnungen, Sachaufgaben, an denen manche Erwachsene straucheln. Für ein Kind, dem das Basisverständnis fehlt, ist das eine Qual.

Kein Wunder, dass Eltern und Lehrkräfte sich nach einer Erklärung sehnen für all das Nichtverstehen trotz gut gemeinter Erklärungen, für die Sorgen und die tränenreichen Nachmittage.

Ist das Gutachten die Rettung?

Das Gutachten scheint den Eltern zu bescheinigen: Mein Kind ist nicht zu dumm, es kann nichts dafür, es ist einfach krank.

Das ist es aber nicht. Und deshalb bitte ich dich um eines: Schau dir in aller Ruhe die Hefte und Bücher deines Kindes in Mathe an. Und frag dich dann, wie dort Mathe vermittelt wird und wie dein Kind damit das Rechnen lernen soll. Können damit auch Kinder mitkommen, die nicht ohnehin schon alles können? An welcher Stelle ist dein Kind ausgestiegen, und warum? Was braucht es, damit es verstehen kann?

Das sind die Fragen, die weiterführen. Ein Etikett führt nicht weiter.

Meine Position, und sie ist eine Meinung

Dyskalkulie ist für mich keine Krankheit, und aus meiner Sicht ist sie vermeidbar. Ich habe noch kein Kind und keinen Erwachsenen getroffen, die grundsätzlich nicht mit Zahlen und Mengen umgehen konnten. Was ich sehe, sind Kinder, die früh den Anschluss verloren haben und bei denen der Abstand zur Klasse immer größer geworden ist, bis er einen Namen bekommt.

Ich weiß, dass darüber fachlich anders gedacht wird. Deshalb steht das hier ausdrücklich als meine Sicht aus der Praxis und nicht als Lehrmeinung. Was ich aus dieser Praxis mit Sicherheit sagen kann: Kinder, die als rechenschwach galten, haben mit der richtigen Übung und genügend Zeit den Anschluss wieder gefunden.

Wie das aussieht, zeigt der Film „Ivonne lernt rechnen".

Filmausschnitt Ivonne lernt rechnen mit der Würfelhaus-Methode
Kind ohne Lust auf Mathe sitzt vor den Hausaufgaben

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Deine Christine Strauß-Ehret

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Christine Strauß-Ehret, Gründerin des Würfelhaus-Konzepts

Über die Autorin: Christine Strauß-Ehret war zwanzig Jahre lang Grundschul- und Förderlehrerin und hat die Würfelhaus-Methode entwickelt. Sie begleitet Familien, deren Kinder in der Grundschule Schwierigkeiten mit dem Rechnen haben.

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