Vielleicht ist es so, dass dein Kind zu Hause und auch in der Schule ein Päckchen nach dem anderen rechnet und du erwartest, dass sich das Rechnen dadurch bessert, und da muss ich dich leider enttäuschen, und ich denke, das hast du auch schon gemerkt. Hier geht es darum, warum das Päckchenrechnen deinem Kind vor allem bei Dyskalkulie überhaupt nicht weiterhilft und was du stattdessen machst.
Stand: September 2026
Das Wichtigste in Kürze
- Das eigentliche Problem dieser Kinder ist ein fehlendes Zahlenverständnis. Das Päckchenrechnen setzt eigentlich voraus, dass ein Kind das Zahlenverständnis bereits hat.
- Vergleichen und Zerlegen sind zwei Übungen, die die Zahlbeziehungen klären und die auch das Mengenverständnis fördern.
- Du solltest sehr stark handlungsorientiert arbeiten: Dein Kind soll genau sehen, was wo dazukommt.
- Setze nichts voraus, was das Kind nicht können kann, sonst nützt es dem Kind gar nichts.
Warum Päckchenrechnen bei Dyskalkulie nicht weiterhilft
Was ist nun Päckchenrechnen? Päckchen sind mehrere ähnliche Aufgaben, die meist untereinander gestellt werden, zum Beispiel 3 + 4, 13 + 4, 23 + 4, 33 + 4. Die Idee hinter dem Päckchen ist, dass die Kinder das Muster erkennen und Rechenstrategien ableiten. In jeder Aufgabe bleiben die Einer gleich, die Zehner ändern sich.
Für Kinder, die ein Stellenwertverständnis haben, die ein Mengenverständnis haben, ist so ein Päckchen auch wirklich nicht schwer. Kinder mit Dyskalkulie sehen die Aufgaben aber nicht als zusammenhängendes Muster, sondern sie sehen jede Aufgabe als einzelne Aufgabe und sie rechnen auch jede Aufgabe einzeln. Wenn ein Kind jede Aufgabe einzeln ausrechnet, dann ist jede Aufgabe eine große Herausforderung für das Gehirn des Kindes und für die Konzentration, und dann hat es von dem Päckchen überhaupt nichts gewonnen.
Ein Vergleich ist hier ganz gut: Das Päckchenrechnen ist für ein Kind, als würde man die Grammatik einer Fremdsprache durch Satzmuster erklären. Wenn dein Kind die Sprache gar nicht versteht, dann helfen die schönsten Satzmuster nichts.
Ob es für dein Kind tatsächlich ein Gewinn ist, Päckchen zu rechnen, erkennst du also daran, ob dein Kind jede Aufgabe einzeln ausrechnet.
Was machst du stattdessen?
Du übst mit deinem Kind die Zahlbeziehungen, das Mengenverständnis und das Stellenwertverständnis, und du arbeitest handlungsorientiert. Vergleichen und Zerlegen sind die zwei Übungen, die extrem wichtig und grundlegend sind.
Übung 1: Mengen vergleichen
Gib deinem Kind zwei Mengen, lege sie am besten strukturiert hin, so wie ich das mit den Würfelbildern mache, und lass dein Kind Mengen vergleichen. Würfelbilder sind die Bilder, die man auf einem normalen Würfel hat. Dein Kind soll sehen: Hier sind fünf, hier sind acht, hier sind drei mehr bei der Acht.
Was Kinder ganz oft machen, ist, dass sie nicht sehen, wo mehr ist und wo weniger ist. Dieser Vergleich fängt schon im Kindergarten an: Die Kinder legen eins von der einen Sorte zu einem von der anderen, und dann sehen sie, da ist mehr und das andere ist weniger. In der ersten Klasse sollte dein Kind lernen, die Mengen zu vergleichen, weil es nur dann einen Bezug zu den Zahlen bekommt und sieht, dass in einer Zahl andere Zahlen enthalten sind.
Über das Vergleichen kannst du auch gut das Gleichzeichen mit einbringen, damit dein Kind lernt: Dieses Zeichen heißt, beide Seiten sind gleich groß oder gleich viel. Wenn beide Seiten nicht gleich viel sind, dann stimmt das Gleichzeichen nicht, oder ich muss ausgleichen: Ich kann zu der Fünf noch drei dazu machen, dann habe ich auch acht, oder ich kann von der Acht drei wegnehmen, dann habe ich wieder fünf.
Weiterlesen: Mengenverständnis fördern
Übung 2: Zahlen zerlegen
Beim Zerlegen zerlege ich eine Zahl in zwei Mengen. Leg eine Menge hin, zum Beispiel acht, bitte mit Würfelbildern, und frag dein Kind: „Wie können wir diese acht Bonbons zwischen uns aufteilen?" Hier geht es darum, dem Kind zu zeigen, dass man aus einer Gesamtmenge Teilmengen bilden kann.
Manche Kinder sagen dann: „Du kriegst vier, ich kriege vier." Oder das Kind sagt: „Es geht nicht", und dann hakst du noch mal nach: „Guck mal, wenn ich mir drei wegnehme, was bleibt denn dann für dich?" „Dann sind es nur noch fünf für mich." Dein Kind soll verstehen: In der Acht ist eine Fünf und eine Drei, eine Sechs und eine Zwei, eine Sieben und eine Eins.
Du kennst vielleicht aus der ersten Klasse die Zahlenhäuser: Oben im Dach steht eine Zahl, und jede Zahl in der Tabelle darunter soll auf die Zahl im Dach ergänzt werden. Du merkst gar nicht, dass Kinder das Zerlegen nicht verstanden haben, weil sie einfach von der Fünf weiterzählen, sechs, sieben, acht, und dann die Drei hineinschreiben. Bei Zahlenhäusern musst du sehr aufpassen, dass es wirklich ein Zerlegen ist, das dein Kind als Teilmenge versteht.
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Wo dein Kind steht, weißt du in drei Minuten
Acht kurze Fragen zu deinem Kind, danach bekommst du eine Einschätzung, an welcher Stelle die Lücke liegt. Das dauert etwa drei Minuten.
Jetzt kostenlosen Rechen-Check machenVergleichen und Zerlegen im Zahlenraum bis 100
Alle Übungen, vergleichen und zerlegen, kannst du auch im Zahlenraum bis 100 machen. Leg zum Beispiel 50 und 75 hin, dann sieht dein Kind sofort: Hier sind ja zwei Zehner mehr und fünf Einer. Auch das Zerlegen geht mit einer größeren Menge, zum Beispiel 45 in 40 und 5 oder in 30 und 15.
Weiterlesen: Zehnerübergang üben
Plus-Aufgaben handlungsorientiert üben
Wenn du ein Päckchen nachbildest, zum Beispiel 3 + 4, dann legst du die Aufgabe als Mengen: drei und noch mal vier. Wenn dein Kind sich vorstellen kann, dass zu der Drei noch vier dazukommen, ist es gut, und wenn nicht, dann legst du die Mengen noch mal hin. Pass auch hier auf, dass dein Kind nicht zählend vorgeht.
Wenn das Kind nur zählt, dann ist es wieder mit Zählen beschäftigt und nicht mit dem Gedanken, was die Handlung ist, die hinter dieser Operation steckt: Bei Plus muss ich zu einer bestehenden Menge eine andere Menge dazufügen.
Wenn du dann 3 + 4 hast, legst du einfach eine Zehn dazu, und dein Kind sieht: Es ist ja einfach nur eine Zehn dazugekommen. Die andere Aufgabe bleibt gleich: 3 und 4 ist 7, und dann die Zehn dazu, 17.
Die Zehn dazulegen wird in der ersten Klasse oft als kleine und große Aufgabe benutzt, auch Zwergen- und Riesenaufgabe genannt. Aber Achtung: Kinder mit Dyskalkulie verstehen das System nicht, wenn man ihnen nur den Trick beibringt, mach doch einfach eine Eins davor. Wenn man dann fragt, was die Eins da vorne bedeutet, können die Kinder oft nicht sagen, dass die Eins die Zehn ist. Leg deshalb immer eine Zehn dazu und schreib die Aufgaben parallel auf.
Wann Päckchen sinnvoll sind
Sobald die Grundlagen vorhanden sind, Mengenverständnis und Stellenwertverständnis, kann so ein Päckchen durchaus sinnvoll sein. Dann kannst du dein Kind fragen: „Erkennst du was?" Und dein Kind wird vielleicht sagen: „Aha, ich sehe genau, da kommt eine Zehn dazu."
Kinder, die die Päckchen gut können, sehen aber manchmal einfach nur, dass sich etwas verändert, und schreiben die nächste Zahl hin. Wichtig ist, dass das Kind erkennt, da kommt eine Zehn dazu. Ein Päckchen ist nie ein Ersatz für den Aufbau eines Mengen- und Zahlenverständnisses.
Weiterlesen: Dyskalkulie: was wirklich hilft
Häufige Fragen
Welche Lernspiele sind bei Dyskalkulie geeignet?
Ein spielerisches Element wäre zum Beispiel ein Würfelspiel, bei dem man Zahlen addieren soll, oder Brettspiele mit Zahlen. Dein Kind kann auch jeden Tag eine Zahl des Tages ziehen, die auf einen Zettel geschrieben irgendwo hängt, zum Beispiel am Kühlschrank. Immer wenn dein Kind am Kühlschrank vorbeiläuft, findet es eine Zerlegung zu dieser Zahl, zum Beispiel die Sieben an einem Tag in fünf und zwei, am nächsten Tag in sechs und eins.
Welche Hilfsmittel gibt es bei Dyskalkulie?
Die Rechenkette, das Zahlenfeld, die Hundertertafel, der Zahlenstrahl: Mit all diesen Hilfsmitteln kann das Kind über das Abzählen die richtigen Lösungen herausfinden, aber es beschäftigt sich dabei nicht mit dem mathematischen Thema, sondern lediglich mit dem Abzählen. Damit dein Kind ein Verständnis für die Menge bekommt, brauchst du eine Menge, die das Kind nicht abzählt, zum Beispiel Würfelbilder, die das Kind ganz schnell sehen und verstehen kann.
Weiterlesen: Wenn Anschauungsmaterial das Zählen zementiert
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Über die Autorin: Christine Strauß-Ehret war zwanzig Jahre lang Grundschul- und Förderlehrerin und hat die Würfelhaus-Methode entwickelt. Sie begleitet Familien, deren Kinder in der Grundschule Schwierigkeiten mit dem Rechnen haben.
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