Rechenkette, Steckwürfel, Schüttelbox, Hunderterfeld: dein Kind hat aus der Schule eine ganze Sammlung an Rechenmaterial. Vielleicht hast du sogar selbst noch etwas dazugekauft, weil dein Kind sich schwertut. Die Idee dahinter klingt ja richtig, Kinder begreifen mit den Händen. Und trotzdem muss ich dir etwas sagen, das viele Eltern überrascht: Genau dieses Material kann das Problem deines Kindes festigen. Nicht weil Anschauung falsch wäre, sondern weil die falsche Anschauung das Zählen übt statt das Verstehen. Das ist auch die Antwort auf die Frage, warum mehr Üben bei manchen Kindern einfach nichts bringt.
Das Wichtigste in Kürze
- Was dein Kind mit dem Material tut, prägt sich ein. Zählt es daran, verinnerlicht es das Zählen.
- Die meisten Materialien laden zum Abzählen ein: Perlenkette, Steckwürfel, Wendeplättchen, Kästchen im Heft.
- Deshalb hilft mehr Üben oft nicht. Das Kind übt am Material genau die Strategie weiter, die das Problem ist.
- Gutes Material erkennst du an einer Frage: Kann dein Kind die Menge auf einen Blick erfassen, oder muss es sie abzählen?
- Beobachte die Handlung, nicht das Material. Dasselbe Material kann für zwei Kinder Gegenteiliges bewirken.
Wofür Anschauungsmaterial eigentlich da ist
Ein Material wie der Zwanziger-Rechenrahmen ist dafür da, dass Kinder daran rechnen lernen, indem sie mit den Händen ausprobieren: Sie schieben die Kugeln, bekommen eine Vorstellung von Mengen und lösen daran ihre Aufgaben. Die Handlung ist dabei kein Selbstzweck. Sie hat genau einen Auftrag: Sie soll später im Kopf ablaufen können, ohne Material. Das Kind handelt erst außen mit den Händen, und irgendwann läuft dasselbe innen ab, als Vorstellung, als Verständnis.
Und genau hier liegt der Haken: Was sich einprägt, ist die Handlung, die das Kind tatsächlich ausführt. Wenn diese Handlung Zählen ist, prägt sich das Zählen ein.
Das Problem: Die meisten Materialien laden zum Abzählen ein
Schau dir an, was ein Kind ohne Mengenverständnis an der Rechenkette macht. Es soll 4 + 3 rechnen, und es zählt: „1, 2, 3, 4, plus 1, 2, 3, ist gleich 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7." Jede Perle einzeln. Dasselbe an den Steckwürfeln, an den Wendeplättchen, an den Kästchen im Heft, an den Bleistiften im Mäppchen. Das Material gibt dem Kind immer etwas zum Abzählen, und das Kind tut daran genau das, was es schon im Kindergarten konnte: auszählen, weiterzählen, zurückzählen.
Was dabei nicht passiert: dass das Kind etwas Neues versteht. Es denkt Zahlen weiterhin als Reihe und nicht als Mengen, in denen kleinere Mengen stecken. Ein Kind entwickelt am Anschauungsmaterial nicht automatisch ein Verständnis für Mengen. Dafür braucht es andere Impulse.
Besonders bitter: Meistens bekommen genau die Kinder, die sich schwertun, noch mehr Zählmaterial. Die Logik ist verständlich, das Kind braucht doch Unterstützung. Aber was erreicht man damit? Das Kind zählt am Material einfach weiter und wird immer tiefer in die Sackgasse geführt. Genau deshalb bringt mehr vom gleichen Üben bei diesen Kindern nichts.
Kinder mit gesichertem Mengenverständnis benutzen die Rechenkette übrigens kaum, sie brauchen sie nicht. Wenn du also ein Kind siehst, das zum Halbjahr der ersten Klasse noch mit der Kette am Mäppchen arbeitet, lohnt sich ein genauer Blick.
Woran du gutes Material erkennst: feste Anordnung statt Zählstrecke
Der entscheidende Unterschied ist nicht Material ja oder nein, sondern: Kann dein Kind die Menge daran auf einen Blick erfassen, oder muss es sie abzählen? Diese Fähigkeit, eine Menge auf einen Blick zu sehen, ist der Ausweg aus dem Zählen.
Du kennst sie vom Würfeln: Dein Kind sieht das Würfelbild der 5 und sagt sofort „fünf". Kein Kind zählt beim Mensch-ärgere-dich-nicht die Punkte einzeln ab. Warum? Weil das Würfelbild eine feste Anordnung hat. Die Punkte liegen immer gleich, das Muster wird als Ganzes abgespeichert.
Genau dieses Prinzip nutzen wir bei Würfelhaus für alle Zahlen, auch über die Sechs hinaus: Die 8 ist bei uns ein Punktbild aus fünf Punkten unten und drei Punkten oben. Das Kind sieht das Bild kurz, es wird weggedreht, dann die Frage: „Was hast du gesehen?" Die Antwort lautet „Unten fünf, oben drei." So speichert dein Kind ab, aus welchen kleineren Mengen die 8 besteht, und erfasst die Gesamtmenge, ohne einen einzigen Zählschritt. Und weil es dabei nicht mehr zählen muss, kann es sich endlich auf das eigentliche Thema konzentrieren: Was bedeutet die Aufgabe? Was passiert beim Zusammenfügen, beim Wegnehmen, beim Ergänzen?
Drei Faustregeln für zu Hause:
- Keine Mengen ohne Ordnung. Wahllos hingelegte Steine, Stifte oder Muggelsteine zwingen dein Kind zum Abzählen.
- Keine langen Zählstrecken. Materialien, die aus einer Reihe gleicher Elemente bestehen, etwa die Perlenkette, fördern das Weiterzählen.
- Bilder, die sich aus Fünfern aufbauen. Punktbilder wie beim Würfel oder feste Fingerbilder lassen sich auf einen Blick erfassen, und die Punktbilder wachsen mit in den Zahlenraum bis 100 und 1000.
Beobachte, was dein Kind mit dem Material tut
Das wichtigste Werkzeug bist du selbst: Schau deinem Kind beim Arbeiten zu. Nutzt es das Material, um Mengen zu ordnen und Zusammenhänge zu entdecken, oder tippt es Element für Element an?
Sogar bei den guten Übungen der Schule lohnt dieser Blick. Kennst du das Zerlegungshaus? Oben steht die 8, unten soll dein Kind eintragen, aus welchen Zahlen sie besteht. Wenn es dabei von der kleinen Zahl zur großen weiterzählt, hast du nichts gewonnen: Die Übung war gut gemeint, aber dein Kind hat sie zählend gelöst.
Frag ruhig nach: „Was denkst du dir dabei?" Nicht kritisieren, nicht sofort verbessern, erst mal nur verstehen, wie dein Kind arbeitet. Wie du das systematisch machst, zeigen dir diese vier Fragen für zu Hause.
Arbeitet dein Kind am Material oder zählt es daran?
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Häufige Fragen
Soll ich das Schulmaterial meinem Kind wegnehmen?
Nicht abrupt. Das Material ist die Sicherheit deines Kindes, und wer sie wegnimmt, ohne etwas Besseres anzubieten, erzeugt vor allem Hilflosigkeit. Baue parallel auf, dass dein Kind Mengen auf einen Blick erfasst. Sobald es den schnelleren Weg erlebt, verliert das Zählmaterial von selbst seinen Reiz. Wenn du unsicher bist, sprich mit der Lehrkraft darüber, woran ihr gerade arbeitet.
Ist der Rechenrahmen nicht ein gut geordnetes Material?
Er kann es sein, die Kugeln sind in Fünfern gefärbt. Entscheidend ist, ob dein Kind diese Ordnung nutzt und sagt „5 und 2 sind 7", oder ob es die Kugeln trotzdem einzeln schiebt und zählt. Dasselbe Material kann für ein Kind mit Mengenverständnis nützlich und für ein Kind ohne eine Zählmaschine sein. Beobachte die Handlung, nicht das Material.
Mein Kind will unbedingt sein gewohntes Material behalten. Was tun?
Das ist normal, das Material ist seine Sicherheit. Nimm es nicht weg, sondern baue parallel die Punktbilder auf. Warum ein Wegnehmen ohne Alternative nach hinten losgeht, erkläre ich in Fingerrechnen verbieten? Warum ein Verbot alles schlimmer macht.
Über die Autorin: Christine Strauß-Ehret war zwanzig Jahre lang Grundschul- und Förderlehrerin und hat die Würfelhaus-Methode entwickelt. Sie begleitet Familien, deren Kinder in der Grundschule Schwierigkeiten mit dem Rechnen haben.
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