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Rechenschwäche selbst testen: vier Fragen für zu Hause

Die Hausaufgaben sind gemacht, die Ergebnisse stimmen, die Lehrkraft ist zufrieden. Und trotzdem fragst du dich: Rechnet mein Kind wirklich, oder zählt es nur? Diese Frage kannst du selbst beantworten. Hier bekommst du die vier Fragen, mit denen ich in wenigen Minuten erkenne, ob ein Kind Zahlen als Mengen begreift oder sich von Aufgabe zu Aufgabe zählt. Du brauchst dafür kein Material außer ein paar Bonbons und einen ruhigen Moment mit deinem Kind.

Das Wichtigste in Kürze

  • Richtige Ergebnisse beweisen nichts. Ein Kind kann sich durch die erste Klasse zählen und fast alles richtig lösen.
  • Test 1: Wer hat mehr, und wie viel mehr? Fünf Bonbons bei dir, drei beim Kind. Die entscheidende Frage lautet: Woher weißt du das?
  • Test 2: Acht Bonbons aufteilen. Findet dein Kind eigene Aufteilungen oder zählt es jede einzeln ab?
  • Test 3: Dieselbe Aufgabe im nächsten Zehner. Erst 3 + 6, dann 13 + 6.
  • Test 4: Was macht dein Kopf da genau? Viele Kinder zählen innerlich weiter, ohne dass man es sieht.
  • Wenn dein Kind bei mehreren Tests ins Zählen gerät, hilft mehr Üben nicht. Dann fehlt das Verständnis für Mengen, und genau dort muss angesetzt werden.

Warum richtige Ergebnisse nichts beweisen

Das Tückische am zählenden Rechnen: Es liefert richtige Ergebnisse. Ein Kind kann sich durch die gesamte erste Klasse zählen und dabei fast alle Aufgaben korrekt lösen. Es kann sogar Aufgaben auswendig lernen, 3 + 2 = 5 sitzt dann wie ein kleines Gedicht. Von außen sieht das aus wie Rechnen. Aber die Frage ist nicht, ob dein Kind zur Lösung kommt, sondern wie. Und genau das machen die folgenden Fragen sichtbar.

Ein Hinweis vorab: Führe das nicht als Prüfung durch. Bleib neugierig statt kritisch. Du willst beobachten, nicht korrigieren, sag also auch bei falschen Antworten erst mal nur: „Ach so, so machst du das. Spannend." Dein Kind soll dir zeigen, wie es denkt. Das gelingt nur, wenn es sich sicher fühlt.

Test 1: Wer hat mehr, und wie viel mehr? (ab Ende Klasse 1)

Leg fünf Bonbons vor dich und drei vor dein Kind. Dann frag in drei Stufen:

Stufe 1: „Wer hat mehr?" Diese Frage beantworten fast alle Kinder richtig. Wenn dein Kind hier schon unsicher ist, hast du bereits eine wichtige Information: dann fehlen die grundlegendsten Mengenbegriffe.

Stufe 2: „Und wie viel mehr habe ich?" Jetzt wird es interessant. Ein Kind, das Zahlen als Mengen begreift, sagt: „Zwei." Ein Kind, dem das noch fehlt, sagt „Weiß ich nicht" oder nennt die 5, die 3 oder die 8. Wenn das passiert, weißt du: Dein Kind kennt Zahlen als Reihenfolge, aber nicht als Mengen, die man vergleichen kann.

Stufe 3: „Woher weißt du das?" Das ist die wichtigste Frage. Sagt dein Kind: „Weil in der Fünf eine Drei und eine Zwei stecken" oder „3 + 2 = 5", dann sieht es, dass in einer Zahl kleinere Mengen stecken. Sagt es aber: „Na ja, nach der Drei kommt die Vier und dann die Fünf" und zählt dir das womöglich an den Fingern vor, dann denkt dein Kind in der Reihe, nicht in Mengen.

Genau hier liegt der Unterschied, den man sonst nicht sieht: Viele Kinder kommen auf die richtige Zahl und können trotzdem nicht erklären warum, oder sie erklären es über das Weiterzählen.

Test 2: Acht Bonbons aufteilen (Klasse 1 bis 2)

Leg acht Bonbons hin und sag: „Teil die mal zwischen uns auf, wie könnten wir die aufteilen?" Beobachte:

  • Findet dein Kind zügig eigene Möglichkeiten (4 und 4, 5 und 3, 6 und 2)?
  • Oder zählt es jede Teilmenge einzeln ab, verzählt sich, braucht Hilfe?

Frag dann ohne Bonbons: „Ich habe 8, ich nehme 6 weg, wie viele bleiben?" Kommt die Antwort direkt oder beginnt das Zählen?

Das Aufteilen ist der Kern des Ganzen: Eine Zahl enthält kleinere Zahlen, und diese Beziehungen kann man nutzen. Wer weiß, dass in der 7 eine 5 und eine 2 stecken, weiß automatisch auch, dass 5 + 2 = 7, 7 − 2 = 5 und 7 − 5 = 2 ist. Ein Kind, das jede dieser Aufgaben einzeln auszählt, hat diese Beziehung noch nicht entdeckt.

Test 3: Dieselbe Aufgabe im nächsten Zehner (ab Klasse 2)

Stell deinem Kind zwei Aufgaben nacheinander: erst 3 + 6, dann 13 + 6.

Bei einem Kind mit Verständnis kommen beide Antworten ähnlich schnell. Es hat begriffen, dass es zweimal dieselbe Aufgabe ist, nur an einer anderen Stelle. Bei einem zählenden Kind siehst du ein typisches Muster: 3 + 6 kommt sofort, weil es auswendig sitzt, und bei 13 + 6 beginnt das große Zählen oder es kommt gar nichts mehr. Der Grund ist einfach: Die Finger reichen nur bis zehn. Sobald es darüber hinausgeht, funktioniert die Strategie nicht mehr.

Das zeigt dir: Es fehlt nicht Übung. Es fehlt die Übertragung von einem Zahlenraum in den nächsten.

Test 4: Was macht dein Kopf da genau?

Wenn dein Kind sagt „Ich rechne im Kopf", dann frag freundlich nach: „Was macht denn dein Kopf da ganz genau? Siehst du etwas, vielleicht eine Perlenkette, einen Zahlenstrahl, deine Finger, irgendwelche Punkte?" Dräng dein Kind nicht zu einer bestimmten Antwort, lass es einfach erzählen.

Viele Kinder beschreiben dann ganz offen, dass sie sich Finger oder die Rechenkette aus der Schule vorstellen und daran zählen. Manche Kinder zählen auch einfach innerlich weiter, ohne dass man außen noch etwas sieht. Das ist dieselbe Sackgasse wie das Zählen an den Fingern, nur unsichtbar.

Was deine Beobachtungen bedeuten

Ein einzelnes Anzeichen macht noch keine Rechenschwierigkeit. Auffällig wird es, wenn mehrere Anzeichen gleichzeitig auftreten, über längere Zeit bestehen und trotz Übung kaum Fortschritte sichtbar werden.

Wenn dein Kind bei zwei oder mehr dieser Tests ins Zählen gerät, dann ist die wichtigste Erkenntnis diese: Mehr üben wird nicht helfen. Dein Kind übt dann nur das Zählen weiter und verfestigt genau die Strategie, die in die Sackgasse führt. Was es braucht, ist der Aufbau des Verständnisses für Mengen, und zwar an der Stelle, wo die Lücke entstanden ist.

Wie das konkret aussieht, erkläre ich in Warum zählendes Rechnen eine Sackgasse ist. Und falls du dich fragst, ob dein Kind eigentlich einen Dyskalkulie-Test braucht: dazu habe ich eine klare Meinung.

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Häufige Fragen

Ab welchem Alter kann ich diese Tests machen?

Die Bonbon-Frage und das Aufteilen funktionieren ab Ende der ersten Klasse, die Grundidee sogar schon im Vorschulalter. Der Vergleich 3 + 6 und 13 + 6 ist ab der zweiten Klasse sinnvoll, wenn der Zahlenraum bis 20 sicher steht.

Mein Kind hat alle Fragen richtig beantwortet, zählt aber trotzdem manchmal. Was heißt das?

Gelegentliches Zählen bei neuen oder schwierigen Aufgaben ist normal, auch Erwachsene tun das. Entscheidend ist, ob dein Kind für die Grundaufgaben eine Zählstrategie braucht. Wenn das Verständnis da ist und es nur in Stresssituationen zählt, schau eher auf Sicherheit und Übung als auf das Fundament.

Was mache ich, wenn mein Kind bei den Tests blockiert oder nicht mitmachen will?

Dann ist das selbst eine wertvolle Beobachtung. Viele Kinder mit Rechenschwierigkeiten haben gelernt, Mathe-Situationen zu vermeiden. Brich ab, mach es an einem anderen Tag ganz nebenbei beim Süßigkeiten-Aufteilen und ohne jeden Prüfungscharakter. Auf keinen Fall Druck aufbauen.


Über die Autorin: Christine Strauß-Ehret war zwanzig Jahre lang Grundschul- und Förderlehrerin und hat die Würfelhaus-Methode entwickelt. Sie begleitet Familien, deren Kinder in der Grundschule Schwierigkeiten mit dem Rechnen haben.

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