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Kind kann nicht über 10 rechnen: Auswendiglernen täuscht

„Er kann es doch, bis 10 klappt alles!" Das höre ich von Eltern ständig. Das Kind rattert 3 + 2, 4 + 4, 5 + 5 herunter wie nichts, die verliebten Zahlen sitzen perfekt. Und dann kommt der Zahlenraum bis 20, und plötzlich geht nichts mehr. Hier erkläre ich dir, warum flüssiges Aufsagen im Zahlenraum bis 10 nichts über das Verständnis deines Kindes aussagt und woran du erkennst, ob hinter dem Auswendigwissen ein Fundament steckt oder eine Lücke.

Das Wichtigste in Kürze

  • Auswendiglernen ist der übliche Ausweg für Kinder, die Zahlen noch nicht als Mengen begreifen. Es liefert richtige Ergebnisse und verdeckt die Lücke.
  • Prüfaufgabe 1, die Lückenaufgabe: Dein Kind kann 3 + 4 = 7? Dann frag 3 + __ = 7.
  • Prüfaufgabe 2, die Umkehraufgabe: Wer 5 + 2 = 7 verstanden hat, weiß auch 7 − 2 = 5 und 7 − 5 = 2.
  • Prüfaufgabe 3, derselbe Schritt im nächsten Zehner: erst 3 + 4, dann 13 + 4.
  • Die Reihenfolge entscheidet: erst verstehen, dann auswendig können. Umgekehrt funktioniert es nicht.

Auswendig ist nicht verstanden

Kinder sind schlau. Ein Kind, das Zahlen noch nicht als Mengen begreift, findet trotzdem Wege, in der Schule zu bestehen. Der häufigste: Es lernt die Aufgaben auswendig. 3 + 2 = 5, das ist für dieses Kind wie ein kleines Gedicht. Es weiß die Antwort, so wie es einen Liedtext weiß. Was in seinem Kopf nicht passiert: die Vorstellung, dass die 5 aus einer 3 und einer 2 besteht.

Das Verrückte daran: Das Auswendiglernen kann sogar dazu führen, dass die eigentliche Lücke noch länger unentdeckt bleibt. Das Kind produziert richtige Ergebnisse, alle sind zufrieden, und niemand merkt, dass es gar nicht verstanden hat, worum es geht.

Das gilt auch für die verliebten Zahlen, also die Zahlenpaare, die zusammen zehn ergeben. Die lernen die Kinder in der Schule auswendig. Das ist nicht falsch, aber es beweist nichts: Auswendigkönnen schützt nicht vor der Lücke, es deckt sie nur zu.

Der Lackmustest: Stell die Aufgabe um

Ob dein Kind versteht oder aufsagt, findest du mit einer einzigen Umstellung heraus. Dein Kind kann 3 + 4 = 7? Dann frag die Lückenaufgabe: 3 + __ = 7.

Ein Kind, das Zahlen als Mengen begreift, erkennt: Das ist dieselbe Beziehung, nur anders gefragt. Es weiß, dass in der 7 die 3 und die 4 stecken, also ist die Antwort 4. Ein Kind, das auswendig gelernt hat, steht dagegen vor einer komplett neuen Aufgabe. Sein Gedicht hilft ihm nicht weiter, und es tut das Einzige, was ihm bleibt: Es zählt sich von der 3 zur 7 hoch. Manche Kinder verzählen sich dabei und landen um eins daneben.

Dasselbe gilt für Umkehraufgaben: Wer 5 + 2 = 7 wirklich verstanden hat, kennt automatisch auch 7 − 2 = 5 und 7 − 5 = 2. Das ist dieselbe Aufteilung der 7 aus drei Blickwinkeln. Wer nur auswendig gelernt hat, muss jede dieser Aufgaben einzeln lernen oder einzeln zählen. Beobachte deshalb besonders die Minusaufgaben: Sie sind fast immer die Stelle, an der das Auswendig-System zuerst bricht.

Warum es beim Zahlenraum bis 20 auffliegt

Die Schule denkt sich beim Zahlenraum bis 20: Hier übertragen wir alles, machen es noch einmal stabil. Und genau das ist der Plan, für Kinder mit Fundament funktioniert er auch. Die Krux: Kinder, die den Zahlenraum bis 10 nicht wirklich verstanden haben, nehmen ihre Zählstrategien einfach mit in den neuen Zahlenraum. Nur wird der Weg jetzt länger, fehleranfälliger, langsamer. Und irgendwann reichen die Finger nicht mehr, denn die enden bei zehn.

Manche Kinder retten sich noch eine Weile mit Tricks. Ein Klassiker ist das, was die Schule manchmal Zwergen- und Riesenaufgabe nennt: 3 + 4 kann ich auswendig, ist 7, und bei 13 + 4 schreibe ich einfach den Einer vorne dran. Das kann eine Zeit lang gut gehen. Aber es ist ein Trick ohne Verständnis. Das Kind weiß nur, die Lehrerin hat gesagt, die Eins kommt wieder vorne dran, und spätestens beim Rechnen über die Zehn bricht das System endgültig zusammen. 8 + 5 lässt sich nicht mehr aufsagen und nicht mehr tricksen: dafür braucht es das Wissen, dass die 5 in 2 und 3 aufgeteilt werden kann, um erst die 10 voll zu machen. Genau dieses Wissen hat ein aufsagendes Kind nie aufgebaut.

Deshalb erlebe ich immer wieder dasselbe Muster: In der ersten Klasse lief doch alles. Der Einbruch kommt scheinbar aus dem Nichts im zweiten Halbjahr der ersten oder in der zweiten Klasse. Aber er kommt nicht aus dem Nichts. Die Lücke war von Anfang an da, sie war nur von auswendig gelernten Ergebnissen verdeckt.

Verstehen zuerst, Automatisieren danach

Versteh mich nicht falsch: Am Ende sollen Kinder die Aufgaben bis 10 automatisch abrufen können. Das ist ausdrücklich das Ziel, niemand soll in der dritten Klasse noch über 3 + 4 nachdenken müssen. Aber die Reihenfolge entscheidet: Erst wenn etwas verstanden wurde, macht es Sinn, es auswendig zu lernen. Dann sitzt das Auswendiggelernte auf einem Fundament und lässt sich auf jeden neuen Zahlenraum übertragen.

Umgekehrt funktioniert es nicht: Auswendiglernen erzeugt kein Verständnis. Es erzeugt nur die Illusion davon. Wenn dein Kind also im Zahlenraum bis 10 flüssig wirkt, prüfe mit den Lücken- und Umkehraufgaben, ob darunter ein Fundament liegt. Wenn ja: wunderbar, dann darf automatisiert werden. Wenn nein: Dann ist jetzt der Moment, das Verständnis für Mengen aufzubauen, und nicht erst nach dem nächsten Einbruch.

Woran du im Alltag erkennst, ob dein Kind zählt oder rechnet, zeigen dir diese vier Fragen für zu Hause. Und warum das Zählen sich nicht von allein auswächst, steht in Zählendes Rechnen ist eine Sackgasse.

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Häufige Fragen

Ist Auswendiglernen in Mathe grundsätzlich schlecht?

Nein, das automatische Abrufen ist sogar ein wichtiges Ziel. Entscheidend ist die Reihenfolge: erst verstehen, dann automatisieren. Auswendiggelerntes ohne Verständnis lässt sich nicht übertragen und bricht spätestens beim Rechnen über die Zehn zusammen.

Mein Kind lernt die Malreihen auswendig. Gilt das da auch?

Ja, dasselbe Prinzip. Wer die Reihen nur aufsagen kann, versteht nicht, wie die Aufgaben zusammenhängen, und kann das Wissen bei Lücken- und Sachaufgaben nicht einsetzen. Verstehen zuerst, dann darf und soll automatisiert werden.

Woran erkenne ich schnell, ob mein Kind versteht oder aufsagt?

Drei Aufgaben: eine Lückenaufgabe (3 + __ = 7), eine Umkehraufgabe (7 − 4) und derselbe Schritt im nächsten Zehner (erst 3 + 4, dann 13 + 4). Kommt dein Kind hier ins Stocken oder Zählen, sagt es die Grundaufgaben auf, statt sie zu verstehen.


Über die Autorin: Christine Strauß-Ehret war zwanzig Jahre lang Grundschul- und Förderlehrerin und hat die Würfelhaus-Methode entwickelt. Sie begleitet Familien, deren Kinder in der Grundschule Schwierigkeiten mit dem Rechnen haben.

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