Schriftlich Minus rechnen: Problem der Eltern?

Mal ehrlich: Wie rechnest du 43636 minus 1268, wenn es wichtig ist, dass das Ergebnis stimmt? Mit dem Taschenrechner? Ich auch. Trotzdem finde ich es wichtig, die schriftlichen Verfahren zu kennen und anwenden zu können, für den Moment, in dem es schnell gehen muss und kein Taschenrechner da ist. Ein Stück Papier und einen Stift braucht es allerdings auch dafür.

Stand: August 2026

Das Wichtigste in Kürze

  • Die meisten Drittklässler führen das Verfahren aus, ohne es verstanden zu haben. Das fällt erst auf, wenn eine Aufgabe vom gewohnten Muster abweicht.
  • Es gibt zwei Verfahren, und sie sind unterschiedlich schwer. Das Abziehverfahren ist nachvollziehbar, das Ergänzungsverfahren ist es nicht.
  • Der häufigste Konflikt entsteht zu Hause, weil Eltern das Ergänzungsverfahren gelernt haben und es ihrem Kind so zeigen.
  • Für mich kommt nur das Abziehverfahren infrage, weil Kinder klare und nachvollziehbare Handlungen brauchen.
  • Vor dem Verfahren kommt das Verständnis für Stellenwerte. Ohne das ist jedes schriftliche Rechnen nur auswendig gelernte Bewegung.

Warum schriftliches Minusrechnen so oft schiefgeht

Was ich in der Schule bei Drittklässlern erlebe, ist häufig ein automatisiertes Vorgehen, ohne dass das Grundlegende wirklich verstanden wurde. Das ist auch nicht leicht, denn hinter dem Verfahren stecken lauter Fragen, die selten jemand beantwortet:

  • Warum muss ich jetzt jede Stelle einzeln rechnen?
  • An welcher Zahl darf ich überhaupt handeln?
  • Wo schreibe ich die Zwischenergebnisse hin?
  • Warum sage ich „5 minus 3", wo es doch eigentlich Zehner sind, also 50 minus 30 heißen müsste?
  • Was mache ich, wenn da eine Null steht?

Manche Kinder tun sich tatsächlich leichter damit, die Aufgaben so zu rechnen, wie sie es gewohnt sind. Zum Beispiel so: 636 minus 200 sind 436, minus 90 sind 346, minus 8 sind 338. Und dann fragen sie sich natürlich, warum das plötzlich nicht mehr gelten soll.

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Zwei Verfahren, und eines davon ist schwer zu verstehen

Dazu kommen die verschiedenen Rechenverfahren in den Lehrwerken. Seit einigen Jahren ist das Abziehverfahren wieder offiziell erlaubt. Zum Glück, denn das Ergänzungsverfahren ist schwierig zu verstehen.

So sieht das Ergänzungsverfahren bei 636 minus 298 aus: 8 plus 8 sind 16, du schreibst die 8 und merkst dir 1. Dann 10 plus 3 sind 13, du schreibst die 3 und merkst dir 1. Dann plus 3 sind 6, du schreibst die 3. Ergebnis 338. Und ja, ich habe es mit dem Taschenrechner nachgerechnet.

Die eigentliche Herausforderung sind dabei die Erwachsenen. Eltern und Lehrkräfte haben diese Aufgaben selbst über das Ergänzungsverfahren gelernt und wenden es bis heute an. Wenn dein Kind in der Schule das Abziehverfahren lernt und du ihm zu Hause das Ergänzungsverfahren zeigst, entsteht genau der Konflikt, der viele Nachmittage kostet.

Warum ich nur das Abziehverfahren empfehle

Aus meiner Erfahrung brauchen Kinder klare und nachvollziehbare Handlungen und Rechenwege. Für mich als Förderlehrerin kommt deshalb nur das Abziehverfahren infrage, auch wenn Eltern es meist nicht nachvollziehen können.

Der Unterschied liegt in einem einzigen Gedanken: Beim Abziehverfahren handelt dein Kind nur an der oberen Zahl. Die untere Zahl ist das, was weggenommen wird, die hat es ja gar nicht.

So erklärt ein Kind das Verfahren, wenn es verstanden hat

Ein Mädchen aus der dritten Klasse konnte nach einigen Fördereinheiten mit Handlungsmaterial zum Eintauschen das schriftliche Verfahren selbst erklären. Voraussetzung war das Verständnis, dass sie nur an der oberen Zahl handeln darf. In ihren eigenen Worten:

Das oben ist die Geldbeutelzahl, so viele habe ich. Unten steht, was weggenommen wird, also wie viel ich bezahlen soll. Bei der Aufgabe 636 minus 298 fange ich so an:

6 Einer habe ich, 9 nehme ich weg. Das geht nicht. Ich nehme mir einen Zehner von der Zehnerstelle, tausche ihn in Einer um und habe jetzt nur noch 2 Zehner, aber 16 Einer. Davon nehme ich die 8 Einer weg, bleiben noch 8 übrig.

2 Zehner minus 9 Zehner geht nicht. Ich tausche einen Hunderter in 10 Zehner, dann habe ich noch 5 Hunderter und 12 Zehner. Davon nehme ich die 9 Zehner weg, bleiben noch 3 Zehner. 5 Hunderter minus 2 Hunderter sind 3 Hunderter.

An der Stelle mit dem Eintauschen gibt es übrigens mehrere Möglichkeiten, sie hat sich diese ausgesucht. Genau das ist der Punkt: Ein Kind, das verstanden hat, worum es geht, kann seinen eigenen Weg gehen und ihn erklären.

Und wenn dein Kind es nicht versteht?

Du hast es selbst nicht verstanden? Klar, du hast es ja anders gelernt. Logisch ist das Ergänzen wirklich nicht. Wie schwierig es ist, merkst du erst, wenn du es einem Kind beibringen sollst, das Mathe nicht selbsterklärend findet.

Und dann ist da noch die wichtigere Frage: Das schriftliche Verfahren setzt voraus, dass dein Kind Stellenwerte verstanden hat, also weiß, was Einer, Zehner und Hunderter bedeuten und dass man sie eintauschen kann. Fehlt dieses Verständnis, hilft kein Verfahren, dann wird es zur auswendig gelernten Bewegung ohne Sinn.

Woran du erkennst, ob diese Grundlage fehlt, steht in Dyskalkulie erkennen: die Anzeichen von Klasse 1 bis 3. Wie du das Minusrechnen von Grund auf aufbaust, in Mein Kind kann nicht rechnen. Und warum Kinder beim Minus überhaupt hängen bleiben, in Mein Kind versteht Mathe nicht.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Abziehverfahren und Ergänzungsverfahren?

Beim Abziehverfahren nimmst du weg und handelst nur an der oberen Zahl. Beim Ergänzungsverfahren rechnest du von unten nach oben und ergänzt bis zur nächsten Zahl. Beide führen zum richtigen Ergebnis, aber nur das Abziehverfahren lässt sich mit Material nachvollziehen.

Mein Kind lernt in der Schule ein anderes Verfahren als ich. Was jetzt?

Bleib bei dem Verfahren, das die Schule unterrichtet, und zeig deinem Kind nicht parallel dein eigenes. Zwei Verfahren gleichzeitig sind für ein Kind, das ohnehin unsicher ist, der schnellste Weg in die Verwirrung.

Ab wann kommt die schriftliche Subtraktion dran?

In der Regel in der 3. Klasse. Sie setzt voraus, dass dein Kind mit Stellenwerten sicher umgehen kann, also weiß, was Einer, Zehner und Hunderter bedeuten.

Was mache ich, wenn in der Aufgabe eine Null steht?

Dann muss dein Kind über die Null hinweg eintauschen, also eine Stelle weiter links holen. Das ist der Punkt, an dem die meisten Kinder aussteigen, und es ist ein sicheres Zeichen dafür, dass das Eintauschen mit Material noch nicht sitzt.

Ist es schlimm, wenn mein Kind lieber im Kopf rechnet?

Nein, im Gegenteil. Ein Kind, das 636 minus 200, dann minus 90 und dann minus 8 rechnet, hat verstanden, was es tut. Das schriftliche Verfahren ist ein Werkzeug für große Zahlen, kein Ersatz für Verständnis.

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Christine Strauß-Ehret, Gründerin des Würfelhaus-Konzepts

Über die Autorin: Christine Strauß-Ehret war zwanzig Jahre lang Grundschul- und Förderlehrerin und hat die Würfelhaus-Methode entwickelt. Sie begleitet Familien, deren Kinder in der Grundschule Schwierigkeiten mit dem Rechnen haben.

1 Antwort

Theresia Steinhauer

Theresia Steinhauer

August 18, 2026

Danke für die guten Tipps!

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